Clan-Kriminalität - ein Kommentar
- Rote Karotte
- 29. Nov. 2020
- 3 Min. Lesezeit

Am 7. November 2020 überfällt eine Gruppe junger Männer tschetschenischer Herkunft einen Spätkauf in Neukölln. Der Späti steht höchstwahrscheinlich in Verbindung mit einem arabischen Clan. Noch in der gleichen Nacht werden am Gesundbrunnen fünf tschetschenische Männer zusammengeschlagen, und mit Messern angegriffen, wahrscheinlich von Angehörigen des arabischen Clans.
Es ist nicht die erste Stufe der Eskalation zwischen tschetschenischen und arabischen Gruppen in der Berliner Bandenkriminalität. Aber der Konflikt scheint immer weiter außer Kontrolle zu raten.
Einige Tage später, am 11. November 2020, erscheint ein Foto im Internet, das ein sogenanntes Friedensgespräch zwischen den Gruppen darstellen soll. Als Moderator tritt der Ex-Box-Weltmeister Mahmoud Charr auf. Seit dem gab es keine weiteren öffentlichen Eskalationen.
Das sind die Fakten. In diesem Artikel möchte ich kommentieren, wie diese Fakten medial dargestellt werden.
Die Gewalt
Die Tagesthemen beurteilen die Vorfälle am 7. November als „gewalttätigen Machtkampf“. Andere Medien sind da nicht so zurückhaltend. Die Machtkämpfe werden als „Straßenschlachten“ und „Messerstechereien“ beschrieben, oder sogar als „blutige Prügelorgien“ (rbb24). Der Tagesspiegel spricht von „blutigen Kämpfe[n]“.
Auch die Verben vermitteln ein anschauliches Bild von der Gewalt: Die Angreifer „stürmen“, „prügeln“ und „attackieren“ (Berliner Kurier). Der Tagesspeigel beschreibt das Schicksal eines 43-jährigen Tschetschenen detailliert: „Er versuchte auf allen Vieren zu fliehen, brach aber zusammen. Dazu stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Rücken.“
Die Tschetschenen
In diesen anschaulichen Gewaltbeschreibungen ist ganz selbstverständlich die Rede von „den Tschetschenen“.
Zum Beispiel in der Überschrift der Zeit, wo von einem „Bandenkrieg mit Tschetschenen“ die Rede ist,
oder im Tagesspiegel, wo der Konflikt zwischen „Clan und Tschetschenen“ bestehe,
oder in der Morgenpost, wo die Polizei vor „Gewaltzunahme zwischen Clans und Tschetschenen“ warnt.
Am markantesten fällt das bei einem Interview mit Jörg Müller in den Tagesthemen auf. Müller ist Leiter des Verfassungsschutzes Brandenburg und sagt: „Tschetschenen sind so gefährlich und schwer zu berechnen, weil sie geprägt sind durch eine 300-jährige Kriegssozialisation.“
Hier wird eine ganze Ethnie über einen Kamm gescherrt und aufgrund ihrer Geschichte, die tatsächlich gebeutelt ist von Krieg, verurteilt. Genauso gut könnte man behaupten: „Deutsche sind so gefährlich und schwer zu berechnen, weil sie geprägt sind durch ihre nationalsozialistische Vergangenheit.“
Der Berliner Kurier schreibt „Die meisten von ihnen [den Tschetschenen] sind unbescholten, führen ein unauffälliges Leben. Aber nicht alle.“ Dieses „Aber nicht alle“ hat etwas Bedrohliches. Als müsste man bei jedem Tschetschenen vermuten, dass er nicht zu denen, die unbescholten und unauffällig sind, sondern zu diesen mysteriös-gruselig „Anderen“ gehört. Außerdem ist das ein sinnentleerter Satz. Natürlich führen nicht alle Tschetschenen ein unbescholtenes, unauffälliges Leben. Welche Ethnie kann von sich behaupten, dass alle ihr zugehörigen Menschen ein unbescholtenes Leben führten?!
Alles in allem erscheint mir die Berichterstattung zur Berliner Bandenkriminalität aus dem Ruder geraten zu sein. Die anschauliche und quotenhaschende Beschreibung von Gewalttaten ist unangenehm, aber vertretbar solange sie sich an die Tatsachen hält. Die Verurteilung „der Tschetschenen“ ist es nicht.
Quellen
(2020, 27. November) Nach Bandenkrieg mit Tschetschenen vorerst Ruhe? BKA warnt. Die Zeit. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.zeit.de/news/2020-11/27/nach-bandenkrieg-mit-tschetschenen-vorerst-ruhe-bka-warnt?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
Adrian Bartocha und André Kartschall (2020, 26. November) Die „Dienstleister“ wollen nun mehr. RBB24. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/11/fehde-tschetschenische-arabische-clans-berlin-warnung-bka.html
(2020, 26.November) Tagesthemen 26.11.2020. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-7923.html
(2020, 16. November) Polizei-Ermittlergruppe „Hammer“ untersucht Bandenkrieg in Berlin. Tagesspiegel. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.tagesspiegel.de/berlin/tschetschenen-gegen-clan-polizei-ermittlergruppe-hammer-untersucht-bandenkrieg-in-berlin/26630322.html
Alexander Fröhlich und Pascal Bartosz (2020, 11. November) Boxer vermittelt Clan und Tschetschenen – und verkündet Frieden. Tagesspiegel. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.tagesspiegel.de/berlin/blutiger-konflikt-in-berlin-boxer-vermittelt-zwischen-clan-und-tschetschenen-und-verkuendet-frieden/26613300.html
(2020, 12. November) Berliner Ermittler warnen vor Bandenkrieg wie Frankreich. Tagesspiegel. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.tagesspiegel.de/berlin/tschetschenen-gegen-clans-berliner-ermittler-warnen-vor-bandenkrieg-wie-in-frankreich/26614722.html
(2020, 27. November) BKA warnt vor Gewaltzunahme zwischen Clans und Tschetschenen. Berliner Morgenpost. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.morgenpost.de/berlin/article231010798/Berlin-Clan-Tschetschenen-organisierte-Kriminalitaet-OK-BKA-Bundeskriminalamt.html
Andreas Kopietz (2020, 28. November) Unterwelt im Umbruch: Der Krieg der Clans. Berliner Kurier. Abgerufen am 29.11.2020 von https://www.berliner-kurier.de/berlin/unterwelt-im-umbruch-die-macht-der-clans-schwindet-li.122197
Tschetschenien. Wikipedia. Abgerufen am 29.11.2020 von https://de.wikipedia.org/wiki/Tschetschenien
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